Dienstag, 23. Januar 2018

[Rezension] Der Circle von Dave Eggers

Titel: Der Circle
Autor: Dave Eggers
Genre: Dystopie
Erscheinungsdatum: 14.08.2014
Seiten: 560
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
ISBN-13: 978-3-462-04675-5
Originalpreis: 22,99€

Klappentext:
Huxleys Schöne neue Welt reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »drei Weisen«, die den Konzern leiten – wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …

Meinung:
„Der Circle“, mittlerweile oft besprochen und dabei vermutlich genauso oft bejubelt wie zerrissen worden, ist definitiv eine Dystopie, die für Aufsehen gesorgt hat – und mittlerweile sogar verfilmt worden ist. Wenn nicht Buch oder Thematik, werden wahrscheinlich Emma Watson und Tom Hanks auch ein Grund für viele sein, sich den Film zu Gemüte zu führen. Auch mich hat der Film motiviert, das Buch zu lesen, da ich Filme ungern schaue, bevor ich das Buch dazu kenne. Hat es sich also gelohnt? Dystopische Weltsichten gibt es mittlerweile viele, aber „Der Circle“ ist dabei doch etwas Besonderes.

Der Grund dafür lässt sich gleichzeitig ganz einfach und doch auch ausschweifend erläutern. Leider muss man der Tatsache ins Auge blicken, dass dieser Roman furchtbar flach ist und keinerlei Dynamik aufweist. Man könnte sagen, die Idee ist großartig, die Umsetzung aber harmlos ausgedrückt absolut grausig – und gleichzeitig passend. Man sollte sich keine Illusionen machen. Wer einen spannenden Roman mit außergewöhnlichen Plottwists erwartet, der ist hier falsch. Jegliche Spannung und Dramatik, die aufkommen könnte, wird vom Autor gnadenlos ausgemerzt. So werden potenzielle Handlungsstränge immer wieder ignoriert. Die – wenigen – kritischen Momente für die Protagonistin Mae werden sofort wieder relativiert und irgendwie nicht richtig ernst genommen. Die Thematik war aber wirklich genial. Es geht um eine Welt voller Überwachung, in die sich die Gesellschaft von selbst begibt. Alles soll transparent werden. Das System wirkt dabei erschreckend realistisch, vor allem weil es glaubwürdig und detailliert beschrieben wird. Man merkt im gesamten Roman auch, dass hierauf der Fokus liegt. So liest man sich mehrere Seiten durch, während Mae lediglich lernt, bestimmte Arbeitsaufgaben zu bewältigen. Der Circle wird im Buch aber nicht unbedingt glorifiziert, sondern überraschend neutral dargestellt. Dies ist definitiv außergewöhnlich, da die Protagonisten in Dystopien in der Regel aus einer perfekt wirkenden Welt ausbrechen wollen, während man hier eher das gegenteilige Gefühl hat. Das Ende war jedenfalls ernüchternd und passt perfekt zum Ton des Romans.

Mae ist ein erstaunlich flacher und naiver Charakter und bietet wenig Identifikationspotenzial für den Leser. Interessant ist, dass sie über den Circle von Anfang an so gut wie gar nichts zu wissen scheint, aber unbedingt dort arbeiten möchte. Dies erleichtert natürlich, dass man als Leser mit ihr zusammen über die Sitten im Circle aufgeklärt wird. Gleichzeitig ist es eine Ironie zur Transparenz, die der Circle ja eigentlich erreichen möchte. So gesehen ist Mae der perfekte Charakter, um langsam in den Sog des Circles zu geraten und dessen Auswirkungen zu demonstrieren. Und tatsächlich wirkt die nur mäßig charakterisierte Mae wie Eine unter Vielen und vielleicht soll das auch ihr Zweck sein, denn im Circle ist der Einzelne der Gesellschaft eindeutig untergeordnet. Gleichzeitig wirkt Mae auch durch den Schreibstil eher unnahbar und ihre Motive sind schwer verständlich. Die meisten anderen Charaktere werden nicht groß beschrieben und Dank der großen Namensflut hat man oft mit der entsprechenden Zuordnung zu kämpfen. Etwas ungünstig fand ich, dass nur bei Mae und ihrer Freundin Annie dargestellt wird, welche negativen Auswirkungen der Circle haben kann. Insgesamt wirkt es so als hätten fast alle Charaktere ihre Augen und Ohren vor allem verschlossen und würden blind durch die Gegend laufen. Das Gegenteil gibt es natürlich auch. Die drei Weisen wiederum sind aber eine wirklich interessante Idee und obwohl sie quasi nicht transparent sind – was wirklich auffällig im Buch nicht thematisiert wird – bekommt man als Leser doch einen guten Eindruck von ihnen.

Dem Schreibstil Eggers kann man insgesamt eher wenig abgewinnen. Erschlagende Absatzblöcke, wohin das Auge reicht, gepaart mit einer völlig alltäglich wirkenden Handlung eigentlich abschreckend. Man muss dem Autor aber dennoch seine Sprach- und Metapherngewalt zugutehalten. Für den einen möge letztere zwar vielleicht plump wirken, aber Eggers beweist an vielen Stellen im Roman, dass er es durchaus versteht mit Sprache umzugehen. Auch symbolisch gibt es hier interessante Verbindungen, wie das Kajak fahren, das als Ausbruch aus der Digitalisierung und Vernetzung im Circle gesehen werden kann.

Wer sich in Romanen lieber Spannung und Unterhaltung wünscht, ist hier leider an der falschen Stelle. Das Buch entwickelt zwar einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, gleichzeitig ärgert man sich aber auch immer wieder über den Handlungsverlauf und die vertanen Chancen, die der Autor sich entgehen lassen hat. Letztendlich bietet „Der Circle“ aber trotzdem etwas: Ein nüchternes und wirklich tragisches Bild auf eine mögliche Zukunft. Es bleibt einem auf jeden Fall noch eine Weile in den Knochen stecken.

Fazit:
Obwohl „Der Circle“ weder mit sympathischen Charakteren noch mit einem spannungsreichen Handlungsverlauf glänzen kann, bietet es dennoch eine wertvolle Lektüre, wenn man sich mit Zukunftsvisionen auseinandersetzen möchte.

Inhalt: 4/5
Charaktere: 1/5
Lesespaß: 3/5
Schreibstil: 3/5

Gesamt:

Kommentare:

Aleshanee Tawariell hat gesagt…

Huhu!

Ohhh, das Buch ist gerade frisch bei mir eingezogen - das hört sich ja jetzt nicht so toll an ^^ Aber ich werd mich überraschen lassen, hoffe mir gefällts besser :)

Liebste Grüße, Aleshanee

Anja Druckbuchstaben hat gesagt…

Hey =)

Ich kann mich noch genau an den Hype erinnern, den dieses Buch unter den Buchbloggern damals ausgelöst hat. Ich selbst bin nie so richtig auf den Zug aufgesprungen.
Ich kann deine Kritik absolut nachvollziehen und denke es könnte mir genau so gehen. Zukunftsvisionen finde ich aber immer sehr spannend.

LG
Anja

Gwee hat gesagt…

Huhu!

Ich drücke dir die Daumen. :) Als Zukunftsvision war es auf jeden Fall lesenswert und im Endeffekt habe ich es durch die kritischen Gedanken, die aufgeworfen werden, mehr im Kopf behalten als so manchen Fantasyroman oder Thriller, aber auf literarischer Ebene ist es halt leider ein Fehlschlag.

Liebe Grüße,
Diana

Gwee hat gesagt…

Huhu Anja!

Also, den Hype kann ich halt wirklich nur um den Inhalt an sich nachvollziehen. Der ist eben schon brisant und vor allem bedenklich. Manches wäre heutzutage bereits möglich. Da stellen sich einem dann schon die Nackenhaare auf.
Aber das Problem mit guten Zukunftsvisionen, die einem detailliert geschildert werden, ist eben einfach, dass es eher wie eine Art wissenschaftliche Monographie gepaart mit Zügen eines Romans ist.

Liebe Grüße,
Diana

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