Sonntag, 28. Oktober 2018

[Rezension] Magic Guardians - Der Fluch des Greifen von Todd Calgi Gallicano

Titel: Der Fluch des Greifen
Reihe: Magic Guardians
Band: 1
Autor: Todd Calgi Gallicano
Genre: Fantasy, Kinderbuch
Erscheinungsdatum: 03.09.2018
Seiten: 448
Verlag: cbj
Format: Hardcover
ISBN-13: 978-3-570-17575-0
Originalpreis: 15,00€

Kurzbeschreibung:
Fantastische Tiere, ferne Länder und eine Welt in Gefahr …
Sam London ist völlig gewöhnlich, geradezu unbesonders, wie er es ausdrückt. Doch das ändert sich schlagartig, als er der Spur eines merkwürdigen Traums folgt und plötzlich vor einem waschechten Greifen steht. Bevor er sichs versieht, steckt er mitten in einem gefährlichen Abenteuer, das ihn in die entferntesten Winkel der Welt und zu einem geheimen Institut führt. Dort erfährt er das Unglaubliche: Magische Wesen gibt es tatsächlich und sie leben unter uns! Ein mächtiger Zauber schützt sie und hält sie vor der Menschheit verborgen. Doch dieser Zauber ist nun in Gefahr, und es ist an Sam, ihn und alle magischen Wesen zu retten ...

Meinung:
Nachdem aktuell die Filmreihe „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ im Kino läuft, ist es nicht verwunderlich, dass die „Magic Guardians“-Reihe an das Erfolgskonzept anknüpft. Gleichwohl wurden Tiere als starkes Handlungselement oder Charaktere in der Kinderliteratur schon immer favorisiert. Das Konzept von Nationalparks in Verbindung mit fantastischen Kreaturen ist auf jeden Fall originell und verwebt die phantastische Ebene hervorragend mit der gewöhnlichen Welt. Aber ist die Handlung auch so gut wie die Idee verspricht?

Der junge Sam London stellt fest, dass er mitten in die Geschehnisse der Magic Guardians verstrickt ist, einer Gruppe Menschen, die sich darum kümmern, dass niemand von der Existenz der phantastischen Wesen erfährt. Auf den über 400 Seiten passiert eine ganze Menge und manchmal überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Manchmal plätschert es aber auch eher dahin und zieht sich. Vor allem das Ende ist dabei ein bisschen durcheinander geschrieben. Generell kann man sagen, dass die Handlung vorhersehbar ist und damit auch nicht hinter dem Berg hält, aber andererseits gibt es trotzdem auch Überraschungen – teilweise auch innerhalb der vorhersehbaren Ereignisse. Dennoch hat man an einigen Stellen des Romans das Gefühl, dass der Autor ruhig zurückhaltender hätte sein können oder in anderen Momenten die Logik seiner Szenen noch einmal überdenken hätte sollen. Die Welt wirkt aber trotzdem glaubwürdig und wird mit historischen Erklärungen belegt. Es gibt außerdem viele Schauplätze und der Leser lernt vor allem viele Nationalparks kennen, wenn auch meist nur deren Namen.

Sam London ist kein besonderer Junge, wie er meint. Und das zieht sich auch wie ein roter Faden durch den Roman. Er hat einfach keine richtigen Eigenschaften. Obwohl es am Anfang noch heißt, er kenne sich sehr gut mit phantastischen Wesen aus, weil er Bücher darüber gewälzt hat, wird das später vollkommen revidiert, da er als Neuling in die Welt der Magic Guardians eintritt und die Rolle des Unwissenden mimt. Es wirkt auch extrem erzwungen, dass Sam nicht besonders ist. Im Gesamten wirkt er weder sehr sympathisch noch unsympathisch. Er zeigt trotz seiner Vorliebe für phantastische Kreaturen außerdem erstaunlich wenig Begeisterung. Auch über die anderen Charaktere lernt man herzlich wenig, obwohl aus verschiedenen Perspektiven berichtet wird. Man bekommt zwar einen groben Eindruck von den Charakteren, aber nie etwas Tiefgründiges. Alles bleibt oberflächlich. Trotzdem wird die Geschichte sympathisch erzählt, was aber eher am Schreibstil liegt.

Dieser ist zudem sehr aussparend und wenig detailliert. Auch ist die Perspektive manchmal nicht ganz klar, da sie sich an einigen Stellen zu vermischen scheint. Originell ist die Aufbereitung der Kapitel. Hier gibt es zu Beginn einiger Kapitel Fallakten der Magic Guardians, die zwar meist wenig zur Handlung beitragen und eher ein Gimmick sind, aber trotzdem nett zu lesen sind. Am Ende findet sich außerdem ein Glossar mit Bildern und Beschreibungen zu den meisten erwähnten Kreaturen.

Der Romanauftakt richtet sich ganz klar an eine jüngere Zielgruppe. Die Charaktere werden eher grob charakterisiert und die Handlung steht im Fokus. Es hat durchaus Spaß gemacht, den Roman zu lesen, was vor allem an einigen Charakteren und den interessanten Schauplätzen lag. Die Handlung ist für einen Kinderroman komplex, aber dennoch zieht sich von Anfang an ein roter Faden hindurch, wodurch man die Geschichte schnell aufdröseln könnte, wenn man gut aufpasst. Lediglich die zäheren Stellen trüben das Leseerlebnis. Alles in Allem ist die Idee auf jeden Fall interessant und thematisch auch nicht zu abgehoben.

Fazit:
„Der Fluch des Greifen“ ist ein spannender Kinderroman, bei dem sich die Ereignisse oft überschlagen, aber dafür auch ab und zu einem langsameren Tempo folgen. Die Charaktere wirken alle sympathisch, auch wenn sie nur oberflächlich beleuchtet werden. Die phantastischen Tiere als Aufhänger der Geschichte wurden vielversprechend integriert.

Inhalt: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Schreibstil: 3/5

Gesamt:

Freitag, 14. September 2018

[Kurzrezension] Eine Welt ohne Prinzen von Soman Chainani

Titel: Eine Welt ohne Prinzen
Reihe: The School for Good and Evil
Band: 2
Autor: Soman Chainani
Genre: Fantasy, Jugendbuch
Erscheinungsdatum: 09.01.2018
Seiten: 512
Verlag: Ravensburger
Format: Hardcover
ISBN-13: 978-3-473-58516-8
Originalpreis: 16,99€

Kurzbeschreibung:
Agatha und Sophie kehren an die Schule der Guten und Bösen zurück, doch dort ist nichts mehr, wie es war. Statt Gut gegen Böse heißt es nun: Mädchen gegen Jungen! Prinzessinnen aller Märchenkönigreiche haben ihre Prinzen vor die Tür gesetzt und regieren allein. Das wollen sich die Prinzen natürlich nicht bieten lassen - und greifen an! Was die Mädchen nicht ahnen: Die größte Gefahr lauert mitten unter ihnen ...

Meinung:
Mit dem zweiten Band der Reihe werden die Geschehnisse wieder vollkommen neu aufgerollt – und das Ende auch ein bisschen negiert. Als Agatha und Sophie an die Schule zurückkehren, ist alles anders als zuvor. Es gibt kein Gut gegen Böse mehr, sondern nur Mädchen gegen Jungs. Es stehen also Geschlechterrollen im Fokus. Und die sind plötzlich vollkommen verdreht. Damit inszeniert Chainani eine alte Thematik auf eigene Art. Ein bisschen erinnert der zweite Band dadurch an eine typische Internatsgeschichte, aber der Ansatz ist trotzdem interessant. Obwohl sich leider viel zum ersten Band wiederholt, liest sich auch der zweite Band sehr angenehm. Die Moral hinter der Geschichte wird stark betont, aber drängt sich dem Leser auch nicht auf. Die neuen Freundschaftskonstruktionen sind auch erfrischend, auch wenn die Streitereien in diesem Band manchmal etwas erzwungen und unnötig wirken. Agatha und Sophie haben sich halbwegs weiterentwickelt, kämpfen aber immer noch mit ihren alten Angewohnheiten – was absolut glaubwürdig ist. Wer wird schon von heute auf morgen zu einem völlig anderen Menschen? Obwohl es viele gleichartige Handlungsmuster gibt, die Chainanis Versuch, das Märchen und seine Klischees aufzubrechen, ein wenig widersprechen, ist auch der zweite Band wieder ein reines Lesevergnügen und mal etwas anderes.

Fazit:
„Eine Welt ohne Prinzen“ stellt alles, was der Leser im ersten Band erfahren hat, völlig auf den Kopf und spielt dabei wieder mit den altbekannten Märchenmustern, auch wenn Chainani eigene Regeln für sein Märchen aufstellt. Die Handlung ist zwar zum ersten Band hin ähnlich angelegt, aber dennoch spannend und lädt zum längeren Verweilen ein.

Inhalt: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Schreibstil: 4/5

Gesamt:

Donnerstag, 13. September 2018

[Rezension] Lying Game - Und raus bist du von Sara Shepard

Titel: Und raus bist du
Reihe: Lying Game
Band: 1
Autor: Sara Shepard
Genre: Jugendthriller
Erscheinungsdatum: 12.03.2012
Seiten: 320
Verlag: cbj
Format: Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-570-30800-4
Originalpreis: 9,99€





Kurzbeschreibung:
Ein Zwilling verschwindet – ein tödliches Spiel beginnt ... 
Kurz vor ihrem 18. Geburtstag macht Emma via Facebook eine überraschende Entdeckung: Sie hat eine eineiige Zwillingsschwester! Doch noch bevor sie Sutton treffen kann, erhält sie die mysteriöse Nachricht, dass ihre Schwester tot ist – und sie ihre Rolle übernehmen soll. Der Beginn eines gefährlichen Lügen-Spiels: Aus Emma wird Sutton, um herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Dabei übernimmt sie nicht nur Suttons Leben als makelloses Upperclass- Girl, die teuflischen Glamour-Freundinnen und Boyfriend Garret – sondern gerät auch in tödliche Gefahr. Denn nur der Mörder weiß, dass Emma nicht Sutton ist ...

Meinung:
„Lying Game“ ist Shepards zweite Romanreihe, die sich wieder von Lügen, Intrigen und Teenager handelt – genau wie die bekannte und beliebte Buchreihe „Pretty Little Liars“. Und genau wie diese wurde auch „Lying Game“ bereits verfilmt. Aber da hören die Ähnlichkeiten dann auch schon langsam auf. Kann der Romanauftakt der Vorgängerreihe das Wasser reichen?

Der Einstieg in dieses Buch ist gleichzeitig originell und gewöhnungsbedürftig. Die verstorbene Sutton muss als Geist ihrer Zwillingsschwester Emma folgen. Dabei weiß und sieht sie alles, was Emma auch sieht. Emma wiederum erfährt per Zufall von ihrer Zwillingsschwester und macht sich auf die Suche nach ihr – und muss sich plötzlich als diese ausgeben. Die Idee des Buches ist durchaus interessant und spannend, aber wird leider nicht sonderlich spannend erzählt. Zumindest hatte ich nie das Gefühl, dass es wirklich ernst wurde. Vieles war leider auch sehr vorhersehbar. Der Kern der Geschichte ist das sogenannte Lügenspiel und das ist tatsächlich ganz interessant. Das Ende kam etwas unerwartet und es gibt einen Cliffhanger, aber das Niveau des Romans richtet sich an Jugendliche und so komplex ist die Geschichte auch gehalten. Trotzdem kommen einige Fragen auf, die – sonst wäre es ja langweilig – nicht im ersten Band beantwortet werden.

Sutton und Emma sind zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Sutton verwöhnt und reich aufgewachsen ist, wurde Emma von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergereicht. Ich wünschte allerdings, der Kontrast hätte sich etwas mehr in Emmas Schauspielerei niedergeschlagen. Grundsätzlich sind beide Figuren sympathisch, aber das liegt daran, dass die Geist-Sutton ihr Gedächtnis verloren hat und sich nur noch an unwichtige Dinge erinnert. Ihre Perspektive bietet durchaus eine ungewöhnliche Komponente, allerdings muss man sich daran gewöhnen, dass sie ständig unnötig in die Geschehnisse reinredet und dabei nicht einmal etwas Wichtiges zu sagen hat. Die anderen Charaktere, die Emma in Suttons Leben kennenlernt, scheinen alle ziemlich oberflächlich zu sein – verwöhnte Gören. Nach und nach erfährt man aber mehr über sie. Generell muss man aber sagen, dass die Charaktere hier weniger stark im Vordergrund stehen als die Handlung und die Ausarbeitung dadurch entsprechend flach ausfällt. Das kann sich aber noch im Laufe der Reihe ändern.

Der Schreibstil liest sich wie bei jedem von Shepards Romanen. Man fliegt nur so durch die Seiten, was durch die kurzen Kapitel noch begünstigt wird. Wie gesagt ist Sutton als Perspektivträgerin etwas gewöhnungsbedürftig und diese Art der Erzählung kann auch etwas verwirren. So werden Suttons Ich-Perspektive und Emmas personale Erzählstimme vermischt. Dabei ist nicht ganz klar, ob Sutton widergibt, was Emma erlebt und denkt, oder ob die Perspektiven nur zusammengefügt werden. Das ist aber insgesamt nicht schlimm, da der Roman sich sehr locker liest und sich sprachlich an Jugendliche richtet.

„Und raus bist du“ ist wieder ein origineller Unterhaltungsroman von Shepard. Das Buch liest sich ausgezeichnet in einem Rutsch durch. Obwohl die Handlung zumindest in diesem Band nicht sonderlich komplex zu sein scheint und Spannung für meinen Geschmack nicht wirklich aufgebaut wurde, habe ich das Buch gerne gelesen und bin gespannt auf den nächsten Band. Man sollte nicht zu viel erwarten, aber als Lektüre für zwischendurch ist der Roman perfekt.

Fazit:
Der Auftakt zu „Lying Game“ wird „Pretty Little Liars“-Fans ebenfalls begeistern können. Die beiden Protagonistinnen sind sympathisch und zusammen mit ihnen taucht man ins Leben der Reichen und Schönen ein – und in ihr Meer aus Intrigen, Lügen und Geheimnissen. Die Handlung ist zwar an manchen Stellen vorhersehbar, aber dennoch unterhaltend. Und wie üblich bei Shepard wartet auch hier der ein oder andere Twist auf den Leser.

Inhalt: 4/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 4/5
Schreibstil: 3/5

Gesamt:

Sonntag, 9. September 2018

[Kurzrezension] Empire of Storms - Schwur der Kriegerin von Jon Skovron

Titel: Schwur der Kriegerin
Reihe: Empire of Storms
Band: 3
Autor: Jon Skovron
Genre: Heroische Fantasy
Erscheinungsdatum: 13.08.2018
Seiten: 512
Verlag: Heyne
Format: Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-453-31787-1
Originalpreis: 14,99€

Kurzbeschreibung:
Das Imperium der Stürme ist in Aufruhr, der Imperator ist schwach und die Biomanten – mächtige Zauberer, die Menschen mit einem Wimpernschlag töten – haben mehr und mehr an Einfluss gewonnen. Der ehemalige Straßendieb Red, inzwischen Spion der kaiserlichen Familie, soll dafür sorgen, dass die Biomanten gestürzt werden. Damit die Mission gelingt, braucht er die Hilfe seiner ersten großen Liebe, der Vinchen-Kriegerin Hope. Doch Hope hat ihr Schwert niedergelegt und geschworen, nie wieder eine Klinge zu führen. Und der Schwur eines Vinchen ist härter als Stahl und währt ewiger als ein Kaiserreich ...

Meinung:
Selten konnte eine Fantasy-Trilogie ihr Niveau durchgehend halten. Doch „Schwur der Kriegerin“ schließt sich seinen Vorgängern einwandfrei an. Zunächst plätschert die Geschichte zwar ein wenig vor sich hin, aber das ist auch sehr interessant, da man mehr über die Charaktere lernt und außerdem zurück in die Handlung findet. Wirklich gelungen führt Skovron seine Handlungsstränge wieder zusammen, ohne dass es sich an irgendeiner Stelle falsch oder erzwungen anfühlen würde. Selbst Charaktere aus dem ersten Band bekommen wieder einen Auftritt. Es gibt auch neue Charaktere, die der Leser schnell ins Herz schließt. Hope und Red, die beiden Hauptcharaktere, haben eindeutig eine Entwicklung durchgemacht und gerade auf Hope wird in diesem Band dabei noch einmal der Fokus gelegt, um sich endlich selbst zu finden. Die Handlung hat einen eindeutig politischen Einschlag, der bereits im zweiten Band durchgesickert ist. Das wirkt aber nicht trocken, sondern wird raffiniert verwoben. Die Sprache entführt wieder in eine ganz eigene Welt und ist so originell und stimmig wie eh und je. Das Finale bietet eine epische Schlacht und zeichnet sich vor allem auch durch seine Länge aus. Etwas schade war allerdings, dass die Konflikte sich meistens schnell lösen ließen, was dann doch einen bitteren Geschmack beim Leser zurücklässt. Trotzdem ist der dritte Band wieder überraschend atmosphärische und ein gelungener, runder Abschluss der Reihe. Nur die letzte Szene hätte nicht unbedingt sein müssen.

Fazit:
„Schwur der Kriegerin“ bringt alle Handlungsstränge in einem fulminanten Finale zusammen. Trotz kleiner Schwächen am Ende fesselt der Roman wieder durch seine einzigartigen Charaktere und seine vor allem auch durch die Sprache geprägte Atmosphäre. Damit kommt eine wunderbare Reihe zu einem guten Ende.

Inhalt: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Schreibstil: 4/5

Gesamt:


Montag, 27. August 2018

[Rezension] Die Zeitmaschine von H.G. Wells

Leider ist die Ausgabe beim dtv-Verlag
nicht mehr erhältlich.
Titel: Die Zeitmaschine
Autor: H.G. Wells
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 13.01.2017
Seiten: 192
Verlag: dtv
Format: Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423145466
Originalpreis: 9,90€

Klappentext:
Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, durch die Zeit zu reisen? Angekommen im Jahr 802701 entdeckt unser Held zwischen den Ruinen Londons die Eloi, eine paradiesische Gemeinschaft. Als er in die Gegenwart zurückkehren will, ist seine Zeitmaschine verschwunden. Und die Anzeichen häufen sich, dass die Eloi nicht die einzigen Bewohner dieser wundersamen Welt sind.

Meinung:
Mit „Die Zeitmaschine“ hat H.G. Wells definitiv etwas ganz Neues erschaffen. Zeitreisen sind mittlerweile ein ziemlich beliebtes Motiv, das unter anderem auch in der „Outlander“-Reihe von Diana Gabaldon oder der „Edelstein“-Trilogie von Kerstin Gier aufgegriffen wird, aber auch immer wieder in Filmen verwendet wird. Wer würde nicht gerne mal in die Vergangenheit oder Zukunft reisen? H.G. Wells hat dabei den Grundstein für jede weitere Zeitreise in der Literatur und im Film gelegt. Bevor man sich in dieses Lesevergnügen stürzt, sollte man auch wissen, dass H.G. Wells mit diesem Roman auch einen der ersten Science-Fiction-Romane geschrieben hat.

Eine komplexe Handlung sollte man aber nicht erwarten. Simpel gesagt geht es um einen Zeitreisenden, der einer ausgewählten Menschengruppe seine Zeitmaschine erklärt und später in die Zeit reist, um dort in seinen Überzeugungen erschüttert zu werden. Es kristallisiert sich recht schnell heraus, dass der Autor hier keinen spannenden Unterhaltungsroman verfassen wollte, sondern eine messerscharfe Gesellschaftskritik. So baut der Roman keinerlei Spannung auf und verschenkt jegliches Potenzial dafür immer wieder. Dabei könnte die Geschichte durchaus spannend sein. Aber der Fokus der Geschichte liegt auf der Zukunftsvision, die der Autor hier skizziert. Die zwei Gesellschafsschichten Arm und Reich werden hier stark kritisiert und mögliche Folgen im Roman aufgezeigt. Das hat er aber eigentlich ziemlich gut gemacht und die Geschichte weiß gerade durch diese tiefgründige Ausarbeitung trotzdem zu unterhalten. Man muss sich nur auf alles zwischen der Handlung konzentrieren. Das Ende ist offen und lädt den Leser zum eigenen Fantasieren ein.

Die Charaktere in dieser Geschichte sind eigentlich alle eher Stereotype. Neben dem Zeitreisenden, der keinen Namen hat, haben auch seine Besucher, denen er seine Zeitmaschine erklärt, eher beschreibende Namen, so gibt es zum Beispiel den Psychologen. Das sorgt zwar dafür, dass überhaupt keine Nähe zu den Charakteren aufgebaut werden kann, ist aber überhaupt nicht problematisch, weil es nicht Wells‘ Intention ist. Außerdem gibt es in der Zukunft noch zwei interessante Gesellschaftsgruppen, die Eloi und die Morlocks. Diese beiden sollen die zukünftigen Menschenrassen darstellen, die sich durch die Aufsplittung in Arm und Reich ergeben haben. Dies ist ein sehr interessanter Aspekt der Geschichte, allerdings hat Wells sich in mancher Hinsicht keinen Gefallen getan. So wirken die beiden Rassen zwar durch Schwächen und Stärken glaubwürdig, aber weniger nachvollziehbar ist, dass diese beiden Menschenrassen so konzentriert an einem Ort wohnen. Und inwiefern dies auch den Rest der Welt betrifft, wird auch nicht klar. Wells hat hier also ein spannendes Gesellschaftskonstrukt geschaffen, da aber nur in Grundzügen ausgearbeitet wurde.

Wells hat einen interessanten Schreibstil und trotz des Zeitabstandes zur Veröffentlichung ist die Geschichte gut verständlich. Im Grunde ist die Geschichte sehr neutral geschrieben, obwohl es einen Ich-Erzähler gibt, der aber nicht näher charakterisiert wird. Stattdessen wird aber ohnehin hauptsächlich aus Sicht des Zeitreisenden erzählt, der den anderen seine Zeitreise darlegt. Für die Spannung ist das nicht unbedingt gut, da damit einiges vorweggenommen wird.

Der Roman ist trotzdem ein Muss, würde ich sagen. Er ist nicht so lang, dass man sich durchquälen muss und obwohl es keinen wirklichen Handlungsbogen gibt, ist er trotzdem interessant zu lesen und schafft eine faszinierende Zukunftsvision. Hätte ich das Buch gelesen, als es erschien, wäre ich wahrscheinlich absolut begeistert. Übrigens ein kleiner Fun Fact: Wirklich spannend – und schockierend – war eher H.G. Wells Biographie, die am Ende zu lesen ist und sich über Seiten erstreckt. Ihr würdet nicht glauben, was für ein Weiberheld der Gute war.

Fazit:
„Die Zeitmaschine“ würde es heutzutage vermutlich schwer haben, veröffentlicht zu werden, war damals aber absolut innovativ und stellt die Anfänge der Science-Fiction dar. Der Zeitreisende und die anderen Charaktere bleiben zwar bloße Schemen und die Handlung ist zu vernachlässigen, aber dafür ist die Zukunftsvision wirklich originell und gleichzeitig durchschaubar kritisch an der damaligen Gesellschaft ausgerichtet. Science-Fiction-Fans sollten auf jeden Fall mal einen Blick ins Buch werfen.

Inhalt: 4/5
Charaktere: 2/5
Lesespaß: 4/5
Schreibstil: 4/5

Gesamt: