Sonntag, 28. April 2019

[Blogreihe] Phantastik-Heldinnen – Mercedes Thompson

In dieser Blogreihe, die von Meara Finnegan ins Leben gerufen wurde, geht es um weibliche Helden, damit diese mehr Aufmerksamkeit bekommen – denn sie müssen sich nicht hinter den männlichen Helden verstecken. Es soll um Frauen gehen, die nachhaltig beeindrucken und ergründet werden, warum das eigentlich so ist. Wer mitmachen möchte oder auch die anderen Beiträge lesen möchte, kann einfach mal hier schauen.

Die Mercy-Thompson-Reihe
2007 erschien der erste Roman der Reihe, Ruf des Mondes, im deutschen Sprachraum und gesellte sich zu den vielen anderen Urban-Fantasy-Reihen, die zu dem Zeitpunkt auf dem Buchmarkt miteinander wetteiferten. Das war noch, als Vampire und Werwölfe im Trend waren und das Fantasy-Regal in der Buchhandlung gefühlsmäßig von ihnen dominiert wurde. In den meisten dieser Bücher ging es um die große Liebe zwischen Mensch und Vampir – und meistens wurde der Mensch verwandelt, um mit dem Vampir in den Horizont der Ewigkeit reiten zu können, oder so ähnlich. Die Twilight-Reihe ist dabei nur der berühmteste Vertreter und ich könnte noch viele andere auflisten. Warum erzähle ich das? Weil die Mercy-Thompson-Reihe etwas ganz anderes war und ist. Ich habe damals einige dieser Romane gelesen und viele davon konnten mich nur mäßig beeindrucken, meistens war lediglich der Humor bestechend. Aber Patricia Briggs hat es geschafft einen actionreichen Urban-Fantasy-Roman zu schreiben. Bei ihr geht es nicht nur um Romantik. Bei ihr gibt es immer eine verwickelte, spannungsgeladene Handlung, die zur Sache geht. Und gleichzeitig ist die Protagonistin eine Frau, nämlich Mercedes Thompson. Und sie steht definitiv nicht als wehrlose Jungfer hinter den Männern zurück.

Wer ist Mercedes?
Knapp gesagt ist sie Auto-Mechanikerin und kann sich in einen Kojoten verwandeln. Im Roman wird sie als Walker oder auch Gestaltwandler bezeichnet. Sie ist die Tochter des Indianergottes Coyote und gehört damit zu einer sehr seltenen phantastischen Rasse, denn es gibt nur sehr wenige Walker. So selten das auch sein mag, es ist dennoch nicht besonders spektakulär. Mercy kann sich wie gesagt in einen Kojoten verwandeln und findet im Laufe der Reihe heraus, dass sie Magie gegenüber resistenter ist als andere Wesen, wie Vampire oder Werwölfe. Außerdem kann sie Geister sehen. Aufgezogen wurde sie von dem Alpha-Werwolf Nordamerikas und kennt sich daher sehr gut mit deren Politik aus. Zu Beginn der Reihe lebt sie aber abgeschieden in den Tri-Cities. Ganz so abgeschieden aber auch nicht, denn dort leben auch ein Werwolf-Rudel, eine Vampir-Siedhe und es gibt einen Vorort voller Feenwesen – die allerdings nicht so harmlos sind, wie es klingt. Und obwohl Mercedes zwischen diesen Gestalten eigentlich eine eher kleine Nummer ist, gerät sie immer wieder in Schwierigkeiten. Der Clou ist allerdings, dass sie nicht auf Rettung wartet, sondern sich selbst hilft. Sie ist stur, unabhängig und scheut sich nie davor, anderen zu helfen. Außerdem ist sie auch nicht auf den Kopf gefallen und meistens ist es dieser gepaart mit ihrem Scharfsinn, der sie aus den brenzligsten Situationen befreit.

Worum geht es in der Romanreihe?
Um das alles wiederzugeben, könnte man Romane füllen – nun ja, die Mercedes-Thompson-Reihe eben. Aber Spaß beiseite. Die Romane verfolgen eine krimiartige Struktur, in der Mercedes aufdeckt, wer die Strippen zieht. Der erste Band beginnt beispielsweise damit, dass ein junger Werwolf bei Mercedes in der Werkstatt arbeiten möchte. Da sie ein gutes Herz hat, lässt sie es zu. Allerdings ist er in finstere Machenschaften verwickelt und schließlich tauchen andere Werwölfe auf und es wird ziemlich gefährlich für Mercy. Ich will an dieser Stelle nicht spoilern, denn ich freue mich immer, wenn jemand diese Reihe lesen möchte. Aber im Grunde geht es danach darum, aufzudecken, was genau es mit diesen Werwölfen auf sich hat. Das klingt jetzt erst einmal nach einem Detektivroman, aber es ist viel mehr, denn Patricia Briggs hat es geschafft, Politik und Action im richtigen Maß miteinander zu mischen. Die soziale Struktur zwischen den magischen Wesen und auch den Menschen steht immer im Vordergrund der Geschichten und gleichzeitig passiert viel.

Mercy macht sich häufig die Hände schmutzig und ist auch gar nicht zimperlich. Tatsächlich muss sie im Laufe der Reihe auch eine Menge durchmachen – und man kauft es ihr ab. Versteht mich nicht falsch, aber oftmals werden tragische Ereignisse in Romanen heruntergespielt. Hier passiert das nicht und der Leser erlebt langsam mit, wie Mercy sich wieder aufbaut. Aber sie ist trotzdem kein Opfer. Im Gegenteil ist sie es in der Regel, die Leben rettet. Zwar ist sie nicht immer im Vordergrund der Action – denn mal ehrlich, Werwölfe können dann doch mehr ausrichten als Kojoten – aber trotzdem ist sie die treibende Kraft hinter allem und mausert sich zu einer wichtigen Schlüsselfigur in der Politik der Werwölfe, Vampire und Feenwesen, die ihr alle auf die ein oder andere Art Respekt zollen.

Sie findet im Verlauf der Reihe auch einen festen Partner, aber das steht nicht im Vordergrund der Handlung. Auch Sex ist quasi kein Thema. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass dieser Roman sich hervorhebt. Es wird keine Handlung darum gesponnen, um die große Liebe zu finden. Stattdessen wird dies als Subplot in die Geschichte eingebettet – und zwar diskret. Mercedes macht dem Leser schnell klar, dass sie keine Frau ist, die einen Mann braucht. Tatsächlich tut sie sich sogar eher schwer, sich in die Verantwortung eines Partners zu überlassen und mag ihre Unabhängigkeit. Sie verlässt sich nicht darauf, dass ihre Liebe sie schon retten und all ihre Probleme lösen wird. Lieber nimmt sie die Dinge selbst in die Hand, auch wenn sie dadurch in Gefahr gerät. Außerdem wird hier auch schön gezeigt, dass Freundschaften zwischen Mann und Frau durchaus möglich sind.

Warum hebt sich Mercedes von anderen weiblichen Figuren ab?
Nun, jetzt habe ich bereits viel gesagt, aber warum genau ist Mercedes als weibliche Romanfigur etwas Besonderes? Das lässt sich ganz leicht beantworten: Sie verhält sich wie ein echter Mensch. Sie hat es nicht nötig, auf ihren Prinzen zu warten. Sie hat es nicht nötig, sich den anderen Figuren unterzuordnen. Und abgesehen davon, dass sie auch die ich-erzählende Perspektivträgerin der Geschichte ist, ist sie vorbildlich aktiv. Sie lässt sich nichts vorschreiben, außer sie selbst weiß, dass es zu ihrem besten ist. Interessant ist dies auch im Rahmen der Erzählung selbst, da nicht alle Frauen Mercys Beispiel folgen. Stattdessen könnte man sogar eher sagen, dass Mercedes auch innerhalb der Reihe ein positives Beispiel vorgibt und sich die anderen Figuren nach und nach diesem anschließen. Während Mercedes ja grundsätzlich eine eher schwache Figur in Bezug auf ihre Fähigkeiten ist, ist sie viel aktiver als Marsilia, die Anführerin der Vampir-Siedhe, die sich tatsächlich von ihren Untergebenen beschützen lässt und diese als ihre Laufburschen ausnutzt. Gerade auch im Hinblick auf die Werwolf-Hierarchie ist das noch einmal interessant, da Frauen auch dabei unterwürfig dargestellt werden – ihnen kommt immer eine niedrigere Rolle als den männlichen Rudelmitgliedern zuteil. Mercy sticht in ihrer eigenen Romanreihe also bereits hervor. Aber auch ein Vergleich mit anderen Urban-Fantasy-Romanen über Werwölfe und Vampire zeigt, dass sie anders ist.

Gerade damals waren Mercedes Thompson und ihre Romane für mich etwas ganz besonderes, weil sie sich nicht der klassischen Elemente des Genres bedient haben. Der Lebenssinn einer Frau ist es nicht nur, einen Mann zu finden. Und genau das wird hier gut gezeigt, allein schon, weil die Reihe nicht damit abschließt, dass Mercedes einen Partner findet – und dies nicht einmal ansatzweise im Mittelpunkt der Handlung steht. Zwar wird es den Umständen entsprechend in den Plot eingebunden, aber ihre Beziehung wird menschlich dargestellt und wenn man sie aus dem Roman streichen würde, würde nicht die ganze Reihe in sich zusammenbrechen – versucht das mal mit Twilight. Und auch wenn Mercy viel durchmachen muss, steht sie immer wieder auf. Sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie weiß, was sie kann und zeigt das auch. Damit ist sie eine der besten weiblichen Heldinnen, die die Urban-Fantasy-Literatur zu bieten hat. Und wer mir nicht glauben will, darf sich gerne selbst davon überzeugen oder kann meine Rezensionen zur Buchreihe lesen, die ich unter dem Beitrag verlinken werde.

Rezensionen zur Romanreihe:
01: Briggs Patricia - Ruf des Mondes
02: Briggs Patricia - Bann des Blutes
03: Briggs Patricia - Spur der Nacht
04: Briggs Patricia - Zeit der Jäger
05: Briggs Patricia - Zeichen des Silbers
06: Briggs Patricia - Siegel der Nacht
07: Briggs Patricia - Tanz der Wölfe
08: Briggs Patricia - Gefährtin der Dunkelheit
09: Briggs Patricia - Spur des Feuers
10: Briggs Patricia - Stille der Nacht
11: Ruf des Sturms erscheint im Oktober 2019.

Bisherige Beiträge zur Blogreihe:
15. April: Lúthien Tinúviel (J.R.R. Tolkien)
28. April: Mercedes Thompson (Patricia Briggs)

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